Gann Linien

Die horizontalen Gann-Linien ergeben sich durch eine Achtelung und eine zusätzliche Drittelung des Preisraumes. Auf diese Weise erhält man die folgenden Werte: 12,5%, 25%, 33%, 37,5%, 50%, 62,5%, 67%, 75%, 87,5%, 100%. Wie zu sehen ist, ähneln die Werte stark den Fibonacci-Werten. Sie werden auch ähnlich benutzt, wie die Fibonacci-Retracements.

Im engeren Sinne gibt es vier Arten von Gann-Linien:

  • Gann-Linien aus der Teilung der Preisspanne zwischen dem höchsten und dem tiefsten Preis einer Bewegung: Dies sind die bekanntesten Gann-Linien. Man teilt die letzte Bewegung nach dem obigen Schema prozentual in die entsprechenden Widerstands- und Unterstützungslinien.
  • Gann-Linien aus dem höchsten Preis: Hier wird der höchste Preis, also keine Handelsspanne, nach dem obigen Schema aufgeteilt. Der Durchbruch durch die 1/8-bzw. die 7/8-Linie ist vor allem bei Rohstoffen ein sicheres Erkennungszeichen für eine längere Baisse, umso sicherer, je höher der Preis zuvor war, also Gipfel minus 1/8 dieses Preises.
  • Gann-Linien aus der Teilung des Preisraumes zwischen dem historischen Tiefst-und Höchstpunkt des Marktes: Gann hielt diese Widerstands-und Unterstützungslinien für wichtiger. Man benötigt hier also die historischen Werte, teilweise weit zurückgehend.
  • Gann-Linien aus historischen Bewegungen, wenn diese mehr als ein Jahr gedauert haben: Auch hier arbeitet man mit historischen Werten, besonders relevant sind diese Werte bei Rohstoffen. Aufgrund der laufenden Inflation ist es aber heute nicht mehr sehr sinnvoll, sehr weit historisch zurückzugehen.

Als Gann-Linien im weiteren Sinne kann man zwei weitere Gruppen von Unterstützungs- und Widerstandslinien bezeichnen, da sie auch von Gann verwendet wurden.

  • Gann-Linien ausgehend von kleineren historischen Gipfeln und Böden: Die Achtelung wird normalerweise nur vorgenommen bei einer größeren Bewegung. Dies gilt auch für die oben erwähnte Achtelung des Preisraumes, die immer auf die letzte größere Bewegung zurückgeht. Bei kleineren Bewegungen werden jeweils die Niveaus der Gipfel und Böden als Unterstützung genommen, so wie dies allgemein üblich ist. Daher wird auf diese Linien im weiteren nicht eingegangen, da sie ebenfalls sehr wichtig sind.
  • Diverse Spezial-Linien, die teilweise nicht vom Preis, sondern von der Zeit ausgehen: Gann konstruierte mit verschiedenen Regeln noch eine Reihe von anderen Widerstands-und Unterstützungslinien. Der besseren Übersichtlichkeit wegen wurde diesen eine eigene Seite zugewiesen.

Von großer Bedeutung sind auch die Koinzidentien. So bezeichnet man die Schnittpunkte zwischen den Gann-Linien und den Gann-Angles, allerdings auch zwischen den Gann-Angles untereinander. Letzteres wird dadurch möglich, daß die Gann-Angles sowohl von Gipfeln als auch von Böden aus gezogen werden können.

Das Handeln mit Gann-Linien

Die wichtigste Regel ist die gleiche, wie bei den Gann-Angles: Wird eine Gann-Linie durchbrochen, so kann man sicher sein, daß die nächste erreicht wird. Die nächste Gann-Linie, dann natürlich in Gegenrichtung, wird aber auch erreicht, wenn die Gann-Linie hält und die Kurse dort einen Boden oder einen Gipfel ausbilden. Besonders wichtig sind jene Böden und Gipfel bei denen die Gann-Linie nicht ganz erreicht wurde, dies ist immer ein Zeichen, daß sich ein starker Trend entwickelt. Ansonsten gelten im wesentlichen alle Regeln, die auch für die normalen Widerstands-und Unterstützungslinien gelten, sowie die Regeln, die auch bei den anderen Gann-Linien aufgeführt wurden.

Das Zusammenwirken der Linien

Aufgrund der Vielzahl der gezogenen Linien kommt es zu Clustern, denen dann besondere Bedeutung zukommt und zwar besonders dann, wenn sich zwei Linien auf dem gleichen Niveau treffen, von denen die eine aufgrund einer Abwärt-, die andere aufgrund einer Aufwärtsrechnung sich ergibt. Beispiel: Weizen notierte 1852 im Tief bei 28 Cent und machte 1855 ein Hoch bei 1,70$. Die Überschneidungszone liegt hier bei 84/85 Cent, da 85 Cent die Hälfte von 1,70 sind (4/8)und 84 Cent 300% von 28 (in der Gann-Terminologie 200%). Das Überschreiten dieser Zone spricht für eine längere Baisse-bzw. Haussebewegung.

Trendbewegungen und Trendwechsel

In den letzten Phasen eines Bullen-oder Bärenmarktes werden die Zuwächse in den Trendmoves immer geringer. Mit Zuwächsen ist jener Betrag gemeint, der sich nach einer Korrektur oder Rallye ergibt nach dem Überschreiten des letzten Tops oder Bodens. Tritt dieser Zustand längere Zeit auf, entwickelt sich zwangsläufig eine Keilformation, häufiger hält dieser Zustand allerdings nicht sehr lange an, sondern der Trendwechsel kommt früher. Was die Gann- Linien angeht, so reagiert man so darauf, daß man nur noch mit 50%-Linien arbeitet und zwar mit den kleineren, d. h. den kurz zurückliegenden Preisräumen arbeitet.

Die Faustregel ist die, daß man eine Trendwende bereits annimmt, wenn die 50%-Linie aus der letzten Bewegung deutlich durchbrochen wird. Als Konsequenz des Kleinerwerdens der Trendmoves, besonders im Bullenmarkt, werden natürlich auch die Korrekturen immer kleiner. Falls daher erstmalig wieder eine größere auftritt, d. h. eine die die direkt vorangehende übertrifft, muß man von einer größeren Abwärtsbewegung ausgehen, wenngleich dies nicht immer einen Wechsel im primären Trend bedeuten muß. Diese Regel gilt im umgekehrten Sinne für die Rallyes in der Endphase eines Bärenmarktes.

Besondere Ereignisse

Tritt ein Krieg oder eine Krise auf, so nimmt man das letzte Tief bzw. das letzte Hoch vor diesem Ereignis als wichtigen Angelpunkt für die Gann-Verfahren. Man stellt bei jedem Chart nicht nur den Zeitabstand fest zwischen den letzten Hochs und Tiefs, sondern auch zwischen den Hochs und Tiefs untereinander. Je länger nämlich ein Hoch oder Tief gehalten hat, bevor es durchbrochen wird, umso wichtiger wird die Bewegung sein.

Das Weizenhoch von 1925 z.B. (2$ 5 7/8 Cents) wurde erst 1947 nach oben durchstoßen. In einem solchen Fall darf man erwarten, daß zumindest die erste 50%-Marke durchstoßen wird. 150% vom alten Hochpunkt wären 3$ 8 5/8 Cents. Als im Januar 1948 Weizen ein Doppeltop zwei Cents darunter machte, ergab sich hieraus ein wichtiges Zeichen der Kursschwäche, da dieses Mindestpreisziel nicht erreicht wurde.

Die 50%-Linie

Sie ist das Gravitationszentrum des Preisraumes, besonders bei Rohstoffen hat sie eine zentrale Bedeutung. Ein Abprallen der Kurse kommt hier so häufig vor, daß man sich ausschließlich hierauf als Trading-Motiv beschränken kann. Dies geschieht umso häufiger, je größer Zeit-und Preisraum sind. Allerdings ist auch die 50%-Linie der kleineren Ranges wichtig.

Nach einem definitiven Bruch der 50%-Linie wird entweder die nächste Gann-Linie erreicht oder das Niveau eines alten Höchst-bzw. Tiefstpunktes. Befindet sich der Markt in einer Seitwärtsbewegung, so bildet die 50%-Linie häufig die Mitte und die Trading-Ranges liegen bei 3/8 und 5/8. Diese Erscheinung läßt sich besonders gut bei Weizen studieren. Die sicherste und gleichzeitig ertragreichste Anwendung der 50%-Regel besteht darin, zu warten, daß der Kurs beim Erreichen der Grenze Zeichen von technischer Stärke aufweist.

Dies wäre im Aufwärtstrend dann der Fall, wenn der Boden bereits über der 50%-Marke gebildet wird, zumindest um einige Punkte. Dies bedeutet nämlich, daß hier viele Kauforders im Markt sind. Umgekehrt ist der Bärenmarkt stark, wenn der Top schon unterhalb der 50%-Marke gemacht wird. Normalerweise wartet man erst auf den Durchbruch durch die Hauptwiderstandslinie(50% der größten historischen Range), bevor man auf Durchbrüche oder Wenden bei kleineren neueren Ranges wartet.

Eine besondere Bedeutung hat allerdings auch die 50%-Linie vom höchsten Preis, da sie vom Kurs nur sehr schwer durchbrochen werden kann. Man muß hier mit größeren als sonst üblichen Lost Motion rechnen. Daher muß man die Durchbrüche durch diese Linien bzw. eben die Lost Motion historisch getrennt von den anderen 50%-Linien untersuchen.